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27.07.2020

Gelber Schein 2.0 - Homeoffice

Und plötzlich bleiben sie einfach zu Hause. Am ersten Tag nur einige wenige. Wer noch ins Büro kam, guckte etwas verwirrt. Warum war es plötzlich so leer im Büro? Schon auf dem Weg ins Büro waren Straßenbahnen und Straßen viel leerer als sonst. Hatten etwa die Ferien schon begonnen?  Lehrer müsste man sein. Aber nein, Ostern fiel ja dieses Jahr erst spät und es waren sicher noch keine Ferien, oder?

Die Kollegen aus dem IT-Bereich waren allesamt  fürchterlich gestresst, liefen mit Laptops durch die Gegend, bauten Rufumleitungen auf und konnten sich kaum um die Alltagstickets kümmern. Und das, obwohl sicher ein Drittel der Belegschaft gar nicht im Büro war. Und jedes zweite Wort war „Homeoffice“.

Ach ja, es hatte ja gestern kurz vor Feierabend eine Email gegeben, dass die Geschäftsleitung erlaubte, wer sich wegen des Virus zu Hause wohler fühlen würde, zu Hause im „Homeoffice“ bleiben könne. Und so hatten sich viele heute wohl entschieden, zu Hause zu bleiben und „Homeoffice“ zu machen.
Diese faulen Säcke. Die wollten doch nur Urlaub machen, zu Hause im Jogger ein wenig am Laptop rumdaddeln und eigentlich den ganzen Tag Netflix gucken.
Homeoffice? Das ist doch quasi der „Gelbe Schein 2.0“. Seit Jahren gibt es das Wort in den Firmenhandbüchern doch genutzt hat es eigentlich niemand. Die wirklich „wichtigen“ Führungskräfte hatten sich vor Jahren schon mit Laptops ausstatten lassen, um diese dann wichtig immer wieder am Abend aus der Dockingstation mit nach Hause zu nehmen und dann am Sonntag Abend noch wahnsinnig zeitkritische Emails zu schreiben. Aber das war ja kein „Homeoffice“. Das war „mobiles Arbeiten“. Oder hieß es „remote arbeiten“. Naja, war ja auch egal. Das waren ja nur die „wichtigen“ Abteilungsleiter, die sowieso schon die ganze Woche viel arbeiteten und dann abends und am Wochenende noch „eine Schippe drauf gelegt“ hatten.

Und es gab da diese eine Kollegin aus der benachbarten Abteilung, die eine zeitlang „Homeoffice“ machen durfte, weil ihr Kind und ihr Mann angeblich krank waren. Was war das damals für ein Theater. Sie war wohl für eine Zeit lang die gehassteste Person von den Kollegen aus der IT. Ihre direkten Kollegen aus der Abteilung waren auch die ganze Zeit nur angenervt, weil sie von zu Hause „arbeitete“. Man musste ihr alle wichtigen Informationen per Mail schicken und konnte sie nicht einfach kurz im Büro verkünden. Ständig haben sie vergessen, sie zu informieren. Und wenn sie zu Hause nicht an ihr Telefon ging, klingelte es in der Abteilung nach dem fünften Klingeln bei allen anderen Kollegen. Das nervte tierisch, haben sie in der Kantine erzählt. Sie konnte ja so gut wie nie ans Telefon gehen, scheinbar. Wie kann man das Arbeiten nennen? Was machte sie wohl den ganzen Tag zu Hause?
Und ob sie überhaupt mal arbeiten würde. Nie wäre sie erreichbar und auf die Mails antwortete sie manchmal auch erst nach einer Stunde. Nie und nimmer hat die ihre 40 Stunden in der Woche voll gekriegt. Da hätte sie doch einfach auf Teilzeit gehen können. Dann hätte sie mehr Zeit bei ihrem Kind bleiben können und wäre auch entsprechend bezahlt worden.
Aber nein, für sie war das „Homeoffice“ möglich gemacht worden. Angeblich war sogar der Betriebsrat eingeschaltet worden, damals. Und somit musste sie auch nicht jeden Tag ins Büro pendeln, musste nicht nach einem Parkplatz suchen oder sich in der rush hour in die Bahn pressen….

Ich gebe zu, dass ich vor 20 oder 15 Jahren, als es das erste Mal um das Thema Homeoffice ging, total begeistert war von dem Gedanken. Ohne Streß zur Arbeit, einfach mal von zu Hause arbeiten, wenn die neue Waschmaschine geliefert werden sollte, nicht mehr einen ganze Urlaubstag investieren für 15 Minuten Lieferung von Mediamarkt oder Saturn.

Und als dann die ersten zu Hause blieben, als die IT wirklich eine Technik liefern musste, damit man auch von zu Hause auf die Firmendaten zugreifen konnte, lief alles alles andere als rund. Mit den langsamen DSL Leitungen (oder war es noch ISDN) zu Hause, den 3 Kilo Laptops und der fehlenden Technik auch im Büro, war an eine Zusammenarbeit nicht zu denken. Das gute, alte Festnetztelefon (Anekdote am Rande: Meine Rechtschreibprüfung erkennt das Wort „Festnetztelefon“ nicht) war die Verbindung zu den Kollegen im „Homeoffice“ und was sie am Tag davor nicht an Arbeit mit nach Hause genommen hatten, konnten sie auch nicht bearbeiten. Da war dann öfter mal schneller Feierabend als gedacht.

Auch die Abteilungsleiter machten recht schnell deutlich, was sie davon hielten, wenn jemand im Homeoffice blieb. Das Wort „Homeoffice“ wurde schnell nur noch mit einem spöttischen Unterton ausgesprochen, viele Kollegen versahen es sogar mit einem „wissenden Augenzwinkern“. Teamrunden wurden bewusst an den Tagen abgehalten, wenn bestimmte Kollegen im Homeoffice waren, einige Infos wurden bewusst nur mündlich weitergeben, so dass die „Homies“ es erst Tage später erfuhren und wenn ein Bewerber im Bewerbungsgespräch nach den Homeoffice Möglichkeiten fragte, machte sich die Kollegin aus dem Bereich HR sofort ein Kreuz links oben auf den Lebenslauf. Das war es dann für den Bewerber. Sorry, leider mussten wir uns für einen Bewerber entscheiden, dessen Profil noch besser zu unserer Anforderungen passte…..

Soviel der ironische Blick zurück. Kennen Sie das auch noch aus ihren Erfahrungen? Wie lange gibt es das Wort „Homeoffice“ schon in ihrem (Unternehmens)Wortschatz. Und wie wurde damit in den letzten 15 Jahren umgegangen? Wie wurde Homeoffice „vor Corona“ gelebt. Und was ist jetzt anders in Zeiten von Corona? Ist überhaupt etwas anders? Ist „Homeoffice“ noch immer nur etwas für „Drückeberger“ und „Einzelgänger“?

Was macht Homeoffice mit einer Unternehmenskultur? Was bedeutet es für die Zusammenarbeit? Was bedeutet es für die Aufgabe als Führungskraft? Wie kann man einen Veränderungsprozess in einem Unternehmen gestalten, in dem die Mitarbeiter gar nicht vor Ort sind? Und wie bekommt man das Problem in den Griff, dass die Kantine zu Hause einfach nicht den innerbetrieblichen Meinungsaustausch möglich macht? Wie kommt man jetzt an wesentliche, interne Informationen, wenn man seinen Kaffee aus der eigenen Küche holt? Und was macht das mit den Mitarbeitern, die „einsam“ zu Hause arbeiten? Wie gestaltet man das Onboarding neuer Mitarbeiter und wie führt man Mitarbeiter im Homeoffice? Oder setzen wir darauf, dass das Homeoffice genauso schnell wieder verschwindet wie dieses andere Ding….dieses……na…..das, was auch einfach wieder verschwinden wird…..weil es eh keiner braucht……dieses……Internet…..???

Admin - 10:34:26 | Kommentar hinzufügen

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